Hier hebst du ab!
Auf den Punkt gebracht: wer Actionspiele mag, braucht Prey. Wir meinen's ernst. Selten ziehen Shooter ihre Spieler durch bloßes Design schon so krass in eine völlig neue Welt wie das bei Prey der Fall ist. Von der satten Action ganz zu schweigen.

Großartig viel anders als die Konkurrenz haben die Human Head Studios in den neun bis elf Jahren Entwicklungszeit eigentlich nicht gemacht. Die Steuerung ist die gewohnte, das Gameplay ist nicht viel anders und auch sonst ist auf den ersten Blick alles schon bekannt. Spätestens nachdem Held Tommy aus seinem schnöden Abend in einer Raststätte unsanft an Bord des widerlichsten Raumschiffs der bisherigen Spielegeschichte verschleppt wird, trumpft der Titel durch perfektes Design und Atmosphäre dichter als Pete Doherty auf. Tommy, das ist ein mürrischer Mittzwanziger mit indianischen Wurzeln, der seine Freundin Jen zur Abreise vom Indianerreservat überreden möchte. Den ganzen Geisterblödsinn seines Opas hält er nämlich für völlig bescheuert und dämlich.

Im Raumschiff angekommen sind seine Sorgen allerdings erstmal zweitrangig. Das biomechanische Ungetüm verarbeitet zahlreiche Vertreter der menschlichen Rasse zu proteinreichem Alienfutter.
Tommy gelingt mithilfe mysteriöser Fremder die Flucht, fortan wird ums nackte Überleben gekämpft – und um die Heimkehr mit Freundin Jen. Nachdem die ersten Minuten lediglich die mitgebrachte Rohrzange zur Verteidigung reicht, sind erste Waffen schnell gefunden. Genau wie das Raumschiff auch sind die aber alles andere als angenehm zu tragen. Die Dinger leben nämlich! Das Gewehr, dass der alte Cherokee-Abkömmling zuerst findet, besitzt beispielsweise eine Zoom-Funktion. Zielfernrohre sucht man an der glühenden Waffe jedoch vergebens. Sucht Tommy den Blick in die Ferne, fährt ein Auge aus der Waffe aus und verbindet sich mit dem seines Trägers. Eklig!

Auch das Raumschiff ist eher etwas für starke Mägen. Anusartige Öffnungen, die in Sekundenschüben giftige Gülle ausspritzen, wecken längst vergessene Erinnerungen an die letzte Klassenfahrt. Überhaupt scheint das gesamte Ding zu leben. Elektrische Amaturen und Bildschirme sind in die wabernde, glitschige Masse eingearbeitet; metallene Wände wechseln sich mit grünen, wuchernden Gedärmen ab - wunderschön! Prey vermittelt tatsächlich ständig das Gefühl, in einer komplett anderen Welt zu stecken. Und tatsächlich: Die uns bekannten Regeln der Realität scheren in Prey offenbar niemanden.
Autor: Robert Zetzsche (rz)
Erstellt am: 01. August 2006, 00:11 CEST