Wenn der Tod vor der Tür steht
Es gibt Tage, an denen sollte man im Bett bleiben. Zum Beispiel, wenn Assassinen das eigene Dorf überfallen, den Romeo des eigenen Herzens kalt machen und der Tod sich als eigener Vater herausstellt und einem den Auftrag gibt, den dunklen Fürsten in Venedig die Hölle heiß zu machen. Dummerweise ist Scarlett nicht im Bett geblieben. Willkommen in der Welt von Venetica, dem neusten Werk aus dem Hause Deck 13.

Eigentlich sind die Jungs ja für Adventures bekannt, doch mit Venetica haben sie sich voll und ganz in das Genre der Rollenspiele vorgewagt. Zumindest fast, denn die Actionanteile sind dann doch recht hoch. Doch fangen wir erst an einer anderen Stelle an. Bei den Schauplätzen nämlich. Zwar lässt sich aus dem Namen schon ablesen, wo der Titel spielt, nämlich in Venedig, doch gibt es auch andere Ortschaften zu sehen. Vom kleinen Dorf geht die Reise über die schöne Stadt Italiens bis hin nach Afrika. Ein breites Spektrum also, wobei man die meiste Zeit natürlich in der Titelgebenden Wasserstadt unterwegs ist.
Die Geschichte von Venetica, welche die Schauplätze verbindet, ist dabei fast rundherum gelungen. Zumindest zunächst. Der Anfang ist wirklich gelungen, der Spieler ist absolut übertölpelt und bekommt erst nach und nach immer mehr Informationen. Manch Charakter wird etwas zu plötzlich eingeführt, doch insgesamt baut sich ein steigender Spannungsbogen auf und die Story weiß zu fesseln. Zumindest bis zum letzten Abschnitt des Spiels, dann nämlich bricht der Titel hoffnungslos ein. Die Orte wechseln schnell, zusammenhangs- und lieblos. Es riecht nach Hast, welche die Entwickler hier trieb: Einfach nur schnell fertig werden, auf Biegen und Brechen. Schade, schade, denn gerade die ersten Stunden vergehen wie im Fluge – da merkt man noch, dass Adventure-Experten am Werk waren.

In etwa umgekehrt zur Geschichte verhält sich dagegen das Kampfsystem. Zu Beginn verhält sich das Spiel wahrlich Spielerfeindlich. Ein wildes Klicken und Ausweichen ist da angesagt und der Spieler bekommt auch hier das Gefühl: Hier waren Adventure-Entwickler am Werk, die keine Ahnung von Action-Rollenspielen hatten. Doch gegen Ende hin gewinnt das System, mit all den Fähigkeiten aus dem Skill-Tree an Tiefe, sodass man sich seine Fehleinschätzung schnell zum Vorwurf macht. Da kommt dann ein wahrlich tiefgründiges Kombo-System zum Vorschein, was so manch anderen Titel hätte bereichern können. Dumm nur, dass man das erst viel zu spät merkt. Aber gut, dass man es dann doch noch merkt.
Bei den Aufgaben können wir eigentlich keine Kritik anbringen. In Venedig findet man überall Nebenaufgaben, welche die Geschichte bereichern und die Zeit gut vertreiben können. Bringe dies zu dem, bringe etwas Anderes zum nächsten Charakter. Bekämpfe diese Monster. Auch manch kreative Quest lässt sich hier, sofern die Forscherlust vorhanden ist, finden. Da ist viel zu tun, da steckt Liebe im Detail. Da verzeiht man auch mal so manch langweilige Aufgabe, die herzlos wirkt.
Anders sieht es dagegen bei der Technik aus. Die ist, um es mit einem Wort zu beschreiben, durchwachsen. Stark durchwachsen. Auf der einen Seite bietet Venetica eine malerische Kulisse, feine Charaktere und tolle Effekte. Zumindest manchmal. Oft stellt sich dem Spieler auch ein tristes Bild dar, was an verwaschenen Texturen, hölzernen Animationen und genereller Hässlichkeit kaum noch unterboten werden kann. Es kommt oft auf den richtigen Blickwinkel und auf den richtigen Ort an. Eine Art von Glücksspiel. Unverständlich, da Deck 13 immer wieder zeigt, dass man es doch eigentlich kann.

Besser sind da schon die Dialoge ausgefallen, die zwar nicht immer tiefgründig, dafür aber zahlreiche sind. Frustrierend war lediglich die Steuerung, da sie umständlich und gerade innerhalb der Kämpfe nicht wirklich zu gebrauchen ist. Hinzu kommt, dass hier noch zahlreiche Fehler den Spielspaß zu Nichte machen wollen, sodass einmal mehr gilt: Rollenspiele und Bugs gehören zusammen, wie Topf und Deckel. Ärgerlich.
Was am Ende bleibt, das ist ein nettes Rollenspiel. Venetica vermag es nicht, den Thron des Genres zu erklimmen, doch haben wir im Verlauf der Jahre schon wesentlich schlechtere Titel vorgesetzt bekommen. Wer gerade ein wenig Flaute hat, der darf sich das Spiel also durchaus ansehen, selbst wenn es an vielen Ecke und Enden dann doch nur durchwachsen ist. Dafür bekommt man eine ausgefallene Geschichte mit interessanten Orten geboten.
Autor: Michael Hoss (mbh)
Erstellt am: 22. Oktober 2009, 08:53 CEST