Gina und Brian, die Zweite
Hätte man mir vor vier Jahren erzählt, dass spätestens im Jahre 2004 die klassischen Grafik-Adventures wieder zur Gruppe der "lebendigen" Spielegenres gehören, wäre ich der Aussage mit mehr als einer gehörigen Portion Skepsis begegnet. Doch wie die aktuelle Entwicklung zeigt, sind mehr als nur ein oder zwei Spiele dieser Art in der Mache, Nachfolger zu bekannten und erfolgreichen Adventure-Spielen inklusive.
Mit angestossen hat diese neue Welle der Adventurespiele kein anderer Titel als "Runaway", der nun in einer extra aufpolierten Special Edition auf DVD zu haben ist. Runaway durchlebte seinerzeit eine kleine Odysee, bevor es auf den deutschen Spielemarkt kam. So wurde das Spiel ursprünglich bei dem spanischen Publisher "Dinamic" entwickelt, welcher leider im Verlauf des Jahres 2001 finanziell das Handtuch werfen musste, was auch das Aus für den deutschen Entwickler Exalibug bedeutete. Schliesslich kamen die spanischen Entwickler von den Pendulo Studios dann doch noch bei einem Publisher unter, was dann nicht nur den Verkaufsstart in Spanien, sondern dank des dtp-Sublabels "Shoebox" auch in Deutschland, bedeutete.
Diese Nachricht war insbesondere für Adventurefans hierzulande eine grosse Erleichterung, wurden doch in Runaway grosse Hoffnungen bezüglich der Wiederbelebung des Genres gelegt. Zwar gab es zwischenzeitlich mit The Longest Journey und Syberia ausreichend dimensionierte Adventurekost für die Fans, allerdings boten diese eher eine Neuauflage des Genres in vorgerenderten 3D-Szenen, als die "klassischen" 2D-Point'n'Click Adventures der alten Tage, welche anstatt der Grafik spielerische Glanzleistungen vollbrachten.
Genau in diese Kerbe schlug dann Runaway. Zwar dreidimensional produziert und konzipiert, brachten es die spanischen Programmierer fertig, mittels ihres inzwischen typischen Cell-Shading-Stils ein reinrassiges 2D-Adventure im Comiclook fertigzustellen - sie selbst bezeichnen es aufgrund der 3D-Produktion der Figuren und Modelle als 2.5D.
Doch genug Tech-Talk - kommen wir zum Spiel an sich : Brian Basco, seineszeichens Aspirant auf eine Doktorandenstelle als Physiker in Berkeley, pflückt sich mit dem Kühlergrill seines Autos mitten in New York die aus einer Seitengasse flüchtende Stripperin Gina. Als der aufrechte Bürger, der er nunmal ist, bringt er sie sofort in die Notaufnahme und weicht fortan nicht mehr von ihrer Seite. Da sie aber dummerweise nun angeblich von den Killern ihres Vaters verfolgt werde, so sagt sie, muss Brian dafür sorgen, dass sie in ihrer unausweichlichen Lage im Krankenhaus nicht von diesen überrascht wird.
An dieser Stelle schlüpft der Spieler in die Rolle von Brian und sieht sich auch schon der ersten Aufgabe des Adventures gegenüber : Wie täuscht man den wohl bald auftauchenden Killern in diesem Zimmer eine zweite Gina vor ... Runaway präsentiert sich somit durchaus als Adventure der alten Schule : Mit der Maus wird Brian durch die Örtlichkeiten gesteuert und manipuliert selbige. Und da schon seit Zeiten eines Baphomets Fluch ein intelligenter Mauszeiger erforderlich ist, bietet auch Runaway diesen : Situationsabhängig wechselt der Mauszeiger seine Form und Funktion und bietet dem Spieler für jedes Objekt bzw. für jede Person die passendste Aktion - wer sich allerdings nicht vorschreiben lassen will, was er nun zu tun hat, darf die rechte Maustaste nutzen, um den Cursor "durchzuschalten" und so Objekte zuerst untersuchen, bevor man sie benutzt.
Während der untere Bildschirmrand einzig und allein in Gesprächen zum Einsatz kommt, dient der obere Bildschirmrand dem Schnellzugriff auf das Inventar und das Systemmenü. Wie für ein Adventure üblich halten sich die Einstellungsoptionen in Grenzen : Anti-Aliasing, Untertitel, Lautstärke, Zugriff auf Savegames - das Übliche und eigentlich einzig Notwendige eben. Das Inventar selbst zeigt sich zudem angenehm aufgeräumt : Grosszügig ist hier Platz für alle Gegenstände, die der Spieler mit sich herum trägt und die spanischen Entwickler haben das Spiel sogar so konzipiert, dass nie mehr als dieser eine Inventarbildschirm notwendig ist. Um dem ganzen Bildschirm auch wieder mehr Zusammenhang zum Spiel zu geben, ist auf der rechten Seite des Inventars Brian selbst zu sehen, der dem Spieler nach einem Klick entsprechend die Gegenstände beschreibt, bzw. nach dem Durchsuchen von Taschen dem Spieler mitteilt, was er denn so alles gefunden hat. Nettes Gimmick am Rande hierbei : Sollte der Spieler zu lange untätig im Inventarschirm verweilen, wird Brian ungemütlich und klopft auch mal aus seinem "Sichtfenster" heraus mit der Hand auf den Inventarschirm selbst ...
Ist es dem Spieler also endlich gelungen, eine zweite Gina zu "bauen" und sogar die Patientenakten zu vertauschen, ist Gina gerettet und es wird Zeit das Geheimnis um das Kruzefix zu lösen, welches Gina mit sich trägt und scheinbar der Grund für ihre ganzen Probleme zu sein scheint. Die Reise führt den Spieler dabei aus der grossen Stadt hinaus in die Wüsten Arizonas, wo sich nicht nur Transvestiten mit ihrem defekten Tourbus befinden, sondern auch Hackerinnen in verlassenen Wildweststädten und Alienverrückten, welche transzendentale Verbindungen zu eben jenen Aliens pflegen. Mehr zur Story sei an dieser Stelle nicht verraten, nur trägt das Spiel den Untertitel "A Road Adventure" zurecht.
Wer schon länger Adventures spielt, weiss natürlich sofort nach welchen Problemen er ein Spiel durchsuchen muss, um festzustellen, ob er ein gutes oder nur ein mittelmässiges Adventure vor sich hat. So boten die Nonplusultra-Spiele Monkey Island 1 und 2 nahezu nicht-lineare Handlungsstränge, welche dem Spieler viele Freiheiten liessen und ihn auch dadurch manches Male in die Irre führen konnten. Ungeschlagen war aber hierbei der Grad der Freiheit, den man als Spieler geniessen konnte. Auch wenn Runaway den Spieler nicht wirklich extrem linear reglementiert, zeigt sich Brian dennoch manches Male zickig. So verweigert er eine Aktion, welche er später sang- und klanglos ausführt - das Problem ist hierbei, dass dem Spieler durchaus klar ist, was zu tun ist, man aber es förmlich erst Brian klar machen muss. Wenn er durch das Nutzen und Untersuchen von Gegenständen erst einmal selbst drauf gekommen ist, was man vor hat, tut er dies auch wie aufgetragen. So entsteht eine gewisse lineare Reihenfolge, in der man jedes Quest bzw. jedes Problem abarbeitet. Stellt man sich allerdings darauf ein, dass Brian nichts tut, ohne selbst einen Sinn darin zu sehen, wird aus dieser Linearität ein logischer Zusammenhang, welcher auch jedes Rätsel begleitet. Die Rätsel an sich sind sehr logisch, auch wenn schrittweise immer verworrener werdend. Dennoch wird nicht das absolute "um-die-Ecke"-Denken wie in den Monkey Island Spielen oder Day of the Tentacle gefordert - es handelt sich um eher bodenständigere Rätsel.
Nicht so bodenständig sind hingegen die Figuren und Charaktere des Spiels. Da wäre Brian selbst, welcher anfangs eine Brille trägt, bevor er uns im dritten Kapitel offenbart, dass er diese garnicht brauche und sie nur der Bequemheit trage, um dann seine Verwandlung vom Physik-Streber zum Abenteurer zu vollziehen; Gina, welche vorgibt "nur" Sängerin in einem Nachtclub zu sein, welche aber eigentlich ihre grosszügige Oberweite für etwas weniger bekleidete Aktivitäten in eben jenem Nachtclub ausübt; ein Transvestitentrio, welches mitten in der Wüste gestrandet ist und unter anderen aus einem ehemaligen Basketball-Champion und einem übergewichten Ex-Marine besteht und vieles mehr. Obwohl die Handlung des Spiels ausschliesslich in Amerika stattfindet, bieten uns die Pendulo Studios eine Story mit mindestens einem Augenzwinkern, welcher so garnicht zu der amerikanischen Prüderie und Keuschheit passt.
Wie schon angeklungen ist die Story in mehrere Kapitel unterteilt, welche lokal recht weit voneinander entfernt sind. Die dadurch entstehenden Lücken werden hierbei immer von Brian selbst geschlossen, welcher vor einem schwarzen Hintergrund in Freizeitkluft sitzt und mit Sonnenbrille uns die Geschehnisse zwischen den Kapiteln erklärt, teilweise auch aufgepeppt durch vorgerenderte Videos, welche aber in denselben Comicstil wie das Spiel an sich gehalten sind und dadurch auch nicht aus der Rolle fallen.
Eben diese Videosequenzen waren es allerdings, welche seinerzeit die Hauptkritik an Runaway abbekamen : Auf der originalen Version, welche auf mehreren CDs ausgeliefert wurden, waren diese derart stark komprimiert, dass es teilweise hässlich aussah und jede Bewegung in Kompressionsartefakten resultierte. Diesen Mißstand hat man nun mit der Runaway Special Edition behoben : Dank dem Release auf DVD sind die Videos in einer wesentlich höheren Qualität verfügbar und bieten nun endlich ein angenehmes Bild. Zusätzlich bietet die Special Edition einige erweiterte Dialogszenen, was somit diese Version zu der komplettesten Runaway-Ausgabe bisher macht.
Wie auch schon bei Kinofilmen üblich wurde die DVD aber auch mit zusätzlichem Material vollgepumpt : Neben mehrerer Trailer zum Spiel und einer 25minütigen Dokumentation um die Pendulo Studios selbst, bietet die DVD Outtakes der deutschen Sprachaufnahmen, Wallpaper, eine komplette Lösung im PDF-Format, den Soundtrack zum Spiel und Previewbilder zum Nachfolger Runaway 2. Und als ob diese Bilder nicht reichen würden, hat man dem eigentlichen Spiel nach dem After-Credits-Gag, welcher allen Leuten, die den kompletten Abspann abwarteten noch einen kleinen Bonus bieten, noch ein (sehr kurzes) Preview auf Runaway 2 in bewegten Bildern gegönnt.
Bleibt nur die Frage : Wer sollte sich die Special Edition kaufen ? Zum einen dürfte alle Käufer des ersten Runaway, welche auch sonst die Special Edition-DVDs grosser Kinofilme ihr Eigen nennen und gerne für Trailer, Making-Ofs und andere Extras mehr Geld ausgeben, sich überlegen, ob sie ihre Sammlung mit der Special Edition von Runaway aufwerten wollen. Auch wer Runaway bisher nicht hat und auf der Suche nach einem wirklich guten und lustigen Adventure ist, welches einem viele Stunden frustrationsfreien Spass bietet, sollte bei der Special Edition zugreifen. Wem aber Runaway bisher keine Sorgen bereitet hat und die schlechtere Videoqualität nichts ausmacht, sollte sich genau überlegen, ob all die Extras den Preis eines kompletten Spiels wert sind, und das Geld nicht lieber für den Nachfolger sparen sollte.
Autor: Patrick Heyer (ph)
Erstellt am: 06. November 2004, 16:50 CET