Aventurien so schön wie nie
Es ist schon eine Weile her, seit Spieler sich im „Das Schwarze Auge“-Universum austoben konnten. Seit der Nordlandtrilogie sind einige Jahre vergangen – und schon fast sind die Spiele, die damals viele Spieler prägten, in Vergessenheit geraten. Doch nun erinnert man sich wieder an sie. Der Grund dafür trägt den Namen Drakensang. Inhaltlich hat er mit den Quasivorgängern wenig gemein. Das Spiel kann man eher der Drachenchronik zuweisen. Aber keine Angst: Es ist ein vollwertiges Rollenspiel.

Das merkt man auch schon bei der Charaktererstellung. Satte 27 Klassen stehen zur Verfügung Vom Thorwaler über die Amazone bis hin zum Krieger und Magier, sowie diversen Mischklassen, ist alles mit dabei. Ob Zwerg, Mensch oder Elfe – Auswahl gibt es in Hülle und Fülle. Von Mut über Intelligenz bis hin zu Stärke und und Geschicklichkeit: Rollenspieler werden glücklich sein. Auch bei den zahlreichen Fähigkeiten, die von Betören bis hin zu Fallen entschärfen reichen, gibt es nichts zu beanstanden. Rollenspieler werden es zu schätzen wissen. Zumindest wenn sie das Spiel auch noch spielen wollen, nachdem sie den so genannten Expertenmodus bei der Charaktererstellung gesehen haben. Der ist nämlich so komplex ausgefallen, dass es den Spieler auf den ersten Blick die Sprache verschlägt, um ihn dann mit vollem Umfang zu erschlagen. Nach einiger Einarbeitungszeit will man das Feature aber nicht mehr missen.
Dreh und Angelpunkt der Drakensang-Welt ist die Provinz Kosh, die wir auf Grund eines Hilferufs aufsuchen. Doch reingelassen wird man vorerst nicht. Dafür muss man sich einen Namen machen – gute Bürger sollen ein Wort einlegen. So hängt man also erst einmal in einem Kabuff mit dem Namen Avenstreu ab und versucht alles erdenkliche, um nach Kosh zu kommen. Avenstreu dient als eine Art Tutorial. Hier wird einem die Steuerung näher gebracht, das Spielsystem erklärt – man hat alle Zeit der Welt. Zudem lernt man seinen ersten Begleiter kennen.

Über den Verlauf des Spiels kann die Gruppe rund um den Spieler aus insgesamt vier Personen bestehen. Natürlich trifft man noch weitere Mitglieder, doch diese Warten dann so lange, bis man sie braucht – man kann sich also immer die passende Gruppe für die aufkommende Quest zusammenstellen oder eine gescheiterte Quest mit einer anderen Gruppe noch einmal probieren. Wer Angst hat, dass man jedoch zu lange mit einer gleichen Gruppe herumgereist ist und plötzlich nicht weiterzukommen vermag, nur um dann festzustellen, dass die anderen Mitglieder im Level viel zu niedrig sind, den können wir beruhigen (Ja, das war in der Tat ein langer Satz). Auch wer nicht mitreist steigt in der Stufe auf. Ein kleiner Kritikpunkt: Zwischen der Gruppe gibt es so gut wie keine Interaktion. Streiterein oder Liebschaften sind hier nicht an der Tagesordnung.
Der Stufenaufstieg ist übrigens reichlich kompliziert. Anfänger werden, zumindest am Anfang, ihre Probleme haben. Das Regelwerk von Drakensang ist ähnlich komplex wie die Pen & Paper-Vorlage. Und Hilfestellungen gibt es so gut wie keine – wer keine Ahnung hat, der wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit das ein oder andere Mal ordentlich verskillen, wie man so schön sagt. In den Charakterbildschirmen verbringt man gut ein Drittel des Spiels. Dies soll jedoch nichts Schlechtes sein, schließlich macht das Tüfteln ordentlich viel Laune.

Ebenso viel Laune bereiten die Quests. Endlich gibt es mal wieder ein Rollenspiel, das wahrlich kreative Aufgaben für den Spieler bereit hält. Gleiche Eier findet man so gut wie nie und immer gibt es verschiedene Lösungswege. Ob man nun gut oder böse sein möchte, bleibt einem selbst überlassen. Alternativ kann man auch einen Mittelweg suchen. Wirklich erfrischend ist aber die Tatsache, dass man merkt, dass die Entwickler sich Gedanken gemacht haben. Beispiel gefällig? Wie kommt man an einer Wache vorbei, die man nicht bestechen kann? Kein Problem. Da der arme Tropf auch noch auf ein Hühnergatter aufpassen muss, lässt man bei diesem einfach das Tor offen – und schon muss der Wächter die Vöglein wieder einfangen: Der Weg ist offen. Und so hilft man bei waghalsigen Affären oder der Vernichtung von Totenbeschwörern weiter. Die Welt hat viel zu bieten.
Autor: Michael Hoss (mbh)
Erstellt am: 25. August 2008, 10:27 CEST